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Liebe muss verdient werden

Warum wird die Behandlung einiger historischer Tatsachen als eine antisemitische Äußerung betrachtet? Die Frage ist bei weitem nicht rhetorisch, denn einerseits hat, wie wir alle wissen, nicht zuletzt die Finanzierung durch die Banken der Familie Rotschild Adolf Hitler geholfen, an die Macht zu kommen, andererseits hat die Rotschild-Bank dank der Finanzierung von Leiba Bronstein-Trotzky, auch die Existenz von „Kommunismus auf einem Sechstel der Erde“ ermöglicht. Die überwiegende Mehrheit in der Ersten sowjetischen Regierung waren Juden und diese Regierung erdachte als Weltneuheit die Errichtung von KZ-Lagern für die Isolation und Vernichtung von Gegnern der kommunistischen Regime. Alexander Solzhenitsin in seinem berühmten Roman „Archipelag GULAG“ hat versucht, die dort herrschende unmenschliche Grausamkeit zu zeigen, und gleich wurde er als „Antisemit“ abgestempelt. Der Totalitarismus der bolschewistischen Regime hat Millionen Menschen (auch Millionen von Juden!) in der Sowjetunion und auf der ganzen Welt das Leben gekostet. Aber niemand hat bis heute an die Rotschild-Bank appelliert, keiner hat Forderungen auf seelischen oder Sachschadenersatz gestellt.

Nach dem zweiten Weltkrieg hat sich nur die DDR klar und deutlich vom NS-Regime distanziert und mit der Widerstandsbewegung identifiziert. Deshalb hat die DDR auch alle Schadenersatzanforderungen seitens Israel entschieden zurückgewiesen. Die österreichische Regierung und jene der Bundesrepublik Deutschland haben das nicht getan und zahlen bis jetzt regelmäßig, was den Grund für schlechte Assoziationen legt.

Man kann schwer eine logische Erklärung für diese Zahlungen finden. Wie konnte eine solche Verpflichtung überhaupt entstehen? Kein Volk ist für die Taten seiner totalitären Regierung verantwortlich. De facto ist ein solches Volk Opfer seiner Regierung. Das ist jetzt sehr deutlich in der Ukraine zu sehen. Ein paar Milliardäre sind aufgetaucht und die Regierung beschützt das Wohl dieser Geschäftsmacher, welche sich das Volkseigentum angeeignet haben. Pensionisten können ihre Existenz kaum durch ihre miserable Renten sichern, die Städte sind voll obdachloser Kinder, wieder ist das Volk das Opfer.

Es ist mir unverständlich, warum sich gegenwärtige österreichische und deutsche Regierungen vor dem israelischen Volk schuldig fühlen und Entschädigungszahlungen vornehmen. Es ist eine Sache,  gezielte Entschädigungen an die Opfer des NS-Regimes (auch an die Ukrainer) zu zahlen – KZ-Häftlinge, Ostarbeiter, und eine ganz andere Sache (völlig unverständliche), für Verbrechen gegen Juden während der Zeit des zweiten Weltkriegs bis heute zu büßen. Warum vergessen wir dabei die Verbrechen der National-Sozialisten gegen die Sinti, Roma und andere ethnisch unterdrückte Gruppen? Warum zahlen die USA keine Entschädigungen an das vietnamesische Volk nach dem Einsatz von chemischen Waffen und Napalm?

Nicht im geringstem war Stalin ein weniger grausamer Verbrecher als Hitler. Aber fragen wir uns selbst: da er Georgier war, soll sich das georgische Volk für Stalins Gräueltaten schuldig fühlen und eine solch erfundene vererbte Schuld von anderen Bürgern der GUS-Länder abkaufen? Oder sollen, vielleicht, die Korsen ewig für ihren Landsmann Napoleon, welcher Europa beinahe verbrannt hätte, büßen und Entschädigungen zahlen? Oder sich die Amerikaner für die Vernichtung der Indianer noch immer Asche auf den Kopf streuen?

Und wer wird für den schrecklichen Hungertod des Jahres 1933 in der Ukraine zur Verantwortung gezogen? Die Initiative von Lasar Moiseewitsch Kaganowitsch hat dazu geführt, daß Millionen dem Hungertod geweiht wurden. Um Stalin gefällig zu sein, hat er sogar seinen eigenen Bruder in einen KZ-Lager verschleppt.

Fast 60 Jahre sind nach dem zweiten Weltkrieg vergangen. Jene Menschen, die damals an den schrecklichen Ereignissen beteiligt waren, sind entweder tot oder im Greisenalter. Menschen, die nach dem Krieg geboren wurden, waren an diesen Verbrechen nicht beteiligt, sie tragen keine Verantwortung für die Taten der älteren Generationen. Das wäre ungerecht! Ungerechtigkeit und Empörung können keine Liebe und keinen Respekt erzeugen!

Ich bin österreichischer Staatsbürger und zahle fleißig Steuer. Übrigens, als Kind wurde ich auch in ein deutsches KZ verschleppt. Ich kann also auf keinen Fall ein Anhänger der NS-Ideologie sein und will auch nicht, daß mich jemand in dieses Eck drängt. Ich fühle mich für die NS-Verbrechen nicht verantwortlich. Wenn sich aber die Politiker schuldig fühlen, dann sollten sie auch die Gelder an Israel aus eigener Tasche zahlen. Ich bin überzeugt, viele Österreicher und Deutsche sind mit mir einer Meinung.

Ich glaube nicht, daß ein Volk von Gott auserwählt wurde, wie man das zu behaupten pflegt. Wenn man diese mit Tausenden Nationen und ethnischen Gemeinschaften bevölkerte Welt unvoreingenommen betrachtet, kommt man zur unvermeidlichen Schlussfolgerung, daß alle Menschen Gottes Kinder sind und das gleiche Recht auf Leben, Respekt und Gerechtigkeit haben.
In jeder Nation gibt es Leute mit guten und bösen Willen. Jedes Volk hat verbrecherische Führer oder hatte zu einem früheren Zeitpunkt solche gehabt. Das jüdische Volk ist keine Ausnahme – denken wir nur an das gegenwärtige Israel oder betrachten wir die Vergangenheit dieser Nation. Erinnern wir uns an jene entsetzlichen Morde an Männer, Frauen, Kinder, sogar Säuglinge, welche, zum Beispiel, im Alten Testament überliefert sind. „Töte Mann, Frau, Kind und Neugeborene!“ Diese Worte waren über dem Eingang ins Künstlerhaus zur Zeit der Ausstellung „Das Land der Bibel“ zu sehen. In der Bibel war das der Aufruf zur Rache an dem Volk, welches sich getraut hat, dem jüdischen Überfall den Widerstand zu leisten. Diese Rache wurde 400 Jahre, nachdem dieser Widerstand gebrochen wurde, verlangt! Es ist erstaunlich, dass die Veranstalter der Ausstellung kein anderes, mehr „humanes“ Zitat aus der ganzen Bibel für den Eingang ausgewählt haben. Die Ausstellung wurde vom damaligen israelischen Minister-Präsident Benjamin Netanjahu eröffnet. Einige Tage danach hat er in seiner Rede in Mauthausen gesagt: „Wir werden nie vergessen und verzeihen!“ Interessant, an wen will er sich rächen? In Österreich gibt es doch keine NS-Verbrecher mehr, die an den KZ-Transporten beteiligt waren.

Ungerechtigkeit ruft in jedem Volk Unzufriedenheit hervor, welche dann in Empörung und Hass umschlagen kann. Und manchmal kennt der Hass keine Grenzen. Liebe muss man sich verdienen. Alle sollten wir heute darum bemüht sein, dass es keinen Grund für Hass mehr gibt. Bemühen wir uns doch, nicht nur an Gerechtigkeit zu glauben, sondern trachten wir danach, die Ungerechtigkeit möglichst aus der Welt zu schaffen.

Der Weltprozess geht voran, die Entwicklung bleibt nicht stehen. Ich bin überzeugt, so, wie es gestern und vorgestern war, sollte es heute nicht mehr sein. Jede Nation muss erhalten bleiben, gleichberechtigt unter anderen sein und nicht nach der Weltherrschaft streben. Das dritte Jahrtausend ist gekommen. Wir müssen anders denken, denn Liebe muss verdient werden.

Dr. Wassil Nowicky

Übersetzung des Artikels veröffentlicht in der meistgelesenen ukrainischen Tageszeitung „Silski Wisti“ Mittwoch, 10. März 2004, Nr. 27 (17548), 6 Millionen Leser www.silskivisti.kiev.ua/4_027/315.htm